Spiegel online über Yann... (Borussen)

verfasst von StefanMG(R) - Heckendalheim - 08.01.2021, 16:45:51

...ist nur für spiegel+-Abonnenten verfügbar, also hab ich es kopiert:



Gladbach-Torwart Yann Sommer

Der Kleinste ist einer der Größten

Gladbach gegen Bayern ist auch das Duell Manuel Neuer gegen Yann Sommer. Kein Bundesliga-Stammtorhüter ist kleiner als der Schweizer. Dennoch gibt es kaum bessere. Vom Missverständnis, dass gute Torhüter groß sein müssen.

Von Henrik Bahlmann
08.01.2021, 15.51 Uhr

Den Maßstab für Weltklasse auf der Torhüterposition kann sich Yann Sommer am Freitagabend aus der Nähe ansehen. Dann trifft der Schlussmann von Borussia Mönchengladbach auf den FC Bayern und Manuel Neuer (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL.de; Stream: DAZN). Neuer ist 1,93 Meter groß. Er wurde gerade als Fifa-Welttorhüter ausgezeichnet. Und wenn man sich die Spieler ansieht, die diese Ehrung zuletzt erhalten haben, bekommt man den Eindruck, dass vor der Fußball-Ruhmeshalle der Handschuhtragenden ein Türsteher wartet, der statt des Dresscodes die Körpergröße kontrolliert.

Neben Neuer sind da noch Alisson Becker (Liverpool), Thibaut Courtois (Real Madrid) und Gianluigi Buffon (Juventus). Sie alle überragen die 1,90 Meter.
Yann Sommer ist nur 1,83 Meter groß. Er wechselte 2014 vom FC Basel nach Gladbach. Seither entwickelte sich die Borussia zu einem Champions-League-Achtelfinalisten und Sommer zu einem Leistungsträger. Und das nicht trotz seiner verhältnismäßig kleinen Größe – sondern deswegen.

Ich finde, dass die Größe bereits bei den Junioren ein viel zu großes Thema ist«, sagt Sommer dem SPIEGEL. »Dadurch verbaut man vielen jungen, talentierten, aber kleineren Torhütern den Weg nach ganz oben.« Auch er sei nie der Größte gewesen, sagt Sommer, seine Trainer hätten aber »mehr Wert auf Leistung, Entwicklung und andere Stärken gelegt«. Die reine Körpergröße allein ist keine Stärke eines Torhüters.

Die Antithese

Sommer stellt die Antithese zum hochgewachsenen Prototypen zwischen den Pfosten dar. Obwohl er der kleinste Stammtorhüter der Bundesliga ist, hat er eine der besten Strafraumbeherrschungen. Gerade bei Flanken aus den Halbfeldern fängt der 32-Jährige schon mal Bälle elf, zwölf Meter vor seinem Tor ab. Laut dem Statistikportal Fbref.com steht er bei den abgewehrten Hereingaben trotz seiner Größe auf Platz drei der Bundesliga, fast neun Prozent der Flanken in den Gladbacher Strafraum stoppt Sommer – mehr als Jiri Pavlenka, 1,96 Meter groß, oder Neuer, der 1,93 Meter misst.

»Ich finde, dass die Größe bereits bei den Junioren ein viel zu großes Thema ist.«
Yann Sommer, Bundesliga-Torhüter bei Borussia Mönchengladbach

Sommer sieht darin keinen Widerspruch: »Die Größe entscheidet am Ende nicht darüber, ob ich eine Flanke abfangen kann«, sagt er. »Wichtiger sind Faktoren wie Mut, eine gute Position, ein gutes Timing, Stabilität in der Luft und natürlich die Sprungkraft.« Was Sommer damit meint, sieht man in den Spielen zwischen den Highlights. Wenn gegnerische Mannschaften den Ball aus dem Mittelfeld in die Halbräume tragen, wartet Sommer nicht auf seiner Torlinie. Er steht dann auf seinen Fußballen, mehrere Meter vor dem Tor und lauert darauf, angreifen zu können.

Steffen Krebs arbeitet in der dritten Saison als Torwarttrainer bei der Borussia. Mit 37 Jahren ist es seine erste Station in der Bundesliga, zuvor arbeitete er in der Hoffenheimer Jugend, in der er unter anderem den heutigen Stuttgarter Stammtorwart Gregor Kobel trainierte, ebenfalls ein Schweizer.

Er erkenne in der offensiven Spielweise Sommers die schweizerische und italienische Torwartschule, sagt Krebs dem SPIEGEL. »Von Grund auf hat Yann richtig Lust, den Ball anzugreifen und nach vorne zu gehen.« Das mache die ganze Raumverteidigung einfacher, sagt Krebs. Er findet, dass diese moderne Variante des Torwartspiels in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen ist. Dabei lassen sich durch das Antizipieren von Pässen oder Flanken in den Raum Torchancen verhindern, bevor sie überhaupt entstehen.

Das beschrieb schon Leipzigs Torwart Péter Gulácsi im SPIEGEL-Interview. Stattdessen werde der Fokus oft nur auf klassische Flanken wie Eckbälle gelegt, sagt Krebs.

Ästhetisch unspektakulär

Sommer nun auf seine Strafraumbeherrschung zu reduzieren, würde ihm nicht gerecht. Es gibt wenige Torhüter, deren Spiel so ästhetisch ist wie Sommers, so technisch herausragend setzt er seine Bewegungen um. Es gibt jedoch auch nur wenige Spitzentorhüter, bei denen Paraden ähnlich unspektakulär erscheinen.

Ein Paradoxon, das begründet ist in der Schnelligkeit Sommers.
Anders als viele Torwartkollegen bewegt er sich vor Schüssen nicht mit kleinen, explosiven Sprüngen fort. Stattdessen macht er viele kleine, schnelle, koordinierte Schritte: vor, zurück, nach rechts, nach links. Immer einen Fuß nach dem anderen, wobei das in der realen Geschwindigkeit kaum mehr nachzuvollziehen ist. Es sieht fast so aus, als schwebe Sommer durch seinen Strafraum.

Davon profitiert er auch auf der Linie. Vor Schüssen auf sein Tor antizipiert Sommer die Richtung, in die der Ball fliegen wird. Dann setzt er noch in der Schussbewegung des Gegners einen kleinen Sprung in diese Richtung – im Fachjargon spricht man von einem »Splitstep«. Der Begriff stammt aus dem Tennis. Dieser Sprung stellt bei Torhütern den Übergang von der Grundposition in die Parade dar, Sommer beherrscht ihn nahezu perfekt.
Wo andere Torhüter Flugstunden sammeln, um den Ball mit den Fingerspitzen um den Pfosten zu lenken, was dann sehr spektakulär aussieht, bringt Sommer aufgrund seines Stellungsspiels oft den gesamten Körper hinter den Ball. Bisweilen wirken seine Paraden daher erschreckend unauffällig. »Es kann schon sein, dass er nicht der absolut spektakuläre Torhüter ist, weil er sehr viel aus einer guten Position heraus agiert«, sagt Krebs.

(Nicht) immer auf Kontrolle bedacht

Sommer behält gern die Kontrolle. Er möchte sich im Tor nicht seinem Schicksal ergeben, sondern agieren statt nur reagieren. Das gilt auch für Eins-gegen-eins-Situationen, in denen Sommer dazu neigt, den Schuss des gegnerischen Stürmers zu antizipieren; bereits bei der Schussbewegung lässt er sich dafür auf eine Seite fallen. Gegen platzierte Abschlüsse erhöht Sommer die Wahrscheinlichkeit, den Ball zu parieren. Und bei direkten Duellen gehe es häufig nun mal um Wahrscheinlichkeiten, sagt Krebs.
»Wenn du in einer solchen Situation sowieso schon im Nachteil bist, kann es Sinn ergeben, den Gegner zu lesen«, sagt Krebs. Ein Torhüter brauche einfach Zeit, um seine Bewegung zu beginnen. Es handelt sich also um einen absichtlichen Kontrollverlust, um die Chance auf eine Parade zu erhöhen. Bei diesen Szenen kommt Sommer seine große Erfahrung zugute. Bereits mit 18 Jahren feierte er in der zweiten Schweizer Liga sein Profidebüt, mit dem FC Basel gewann er später alles, was es national zu gewinnen gibt.

Torwarttrainer Krebs beschreibt Sommer als einen besonders fordernden und detailversessenen Menschen. Er studiere verschiedene Schussmuster von Spielern. Er bereite sich auf jeden Gegner besonders vor. Der Fußball hat sich ausdifferenziert, ist immer komplexer geworden. Das gilt auch für das Torwartspiel. Und die guten Schlussleute treiben das auf die Spitze.

Ter Stegens Thronfolger

Uwe Kamps ist eine Institution in Gladbach. Als Torhüter absolvierte er zwischen 1983 und 2004 518 Spiele für den Klub. Nach seinem Karriereende arbeitete er lange als Torwarttrainer, heute ist er Borussias Torwartkoordinator. Kamps verhalf Marc-André ter Stegen zum Durchbruch, der inzwischen beim FC Barcelona spielt. Nach ter Stegens Weggang sei es schwer gewesen, jemanden zu finden, der fußballerisch so viel mitbringe, sagt Kamps dem SPIEGEL. Sommer war gewissermaßen ter Stegens Thronfolger. »Und da kann ich heute sagen, dass wir vom Gesamtpaket die bestmögliche Entscheidung getroffen haben«, sagt Kamps.
In den Jahren habe sich Sommer vor allem bei der Antizipation »wahnsinnig entwickelt«. Besonders ins Schwärmen gerät Kamps, wenn er über den »Abkipper« spricht. Hat Sommer bei Abschlüssen aus kürzeren Distanzen mal keine Zeit für den Zwischenschritt, profitiert er vom sogenannten Abkippen.

Dabei zieht er das Bein, das näher am Ball ist, vor das andere. Der Körper prallt dadurch schneller auf den Boden als bei einem klassischen Absprung; gewissermaßen ist es das Gegenteil der berühmten Bahnschranke. Sommer erzielt dabei eine enorme Reichweite. »In diesem Bereich ist er sensationell«, sagt Kamps.

Mit 1,80 Metern war Kamps selbst ein kleiner Keeper. Auch er kennt die Diskussionen. Heute sagt er: »Ein Torhüter sollte ein Gesamtpaket mitbringen. Wenn das stimmt, spielt die Größe keine Rolle.«
Dass Sommer eben nicht zu den Größten gehört, sei Gladbachs Glück gewesen, sagt Kamps. Nur so habe man überhaupt den Zuschlag für ihn bekommen. In einigen Ligen werde mehr Wert auf die Größe gelegt. »Da scheitert es vielleicht dann doch an fünf Zentimetern.«
Antworten auf Posting:
  • Spiegel online über Yann... - StefanMG 08.01.2021, 16:45:51
9733 Postings in 157 Threads, 880 registrierte User, 179 User online (9 reg. User, 170 Gäste)