P.S.: (Borussen)

verfasst von Elm(R) - 11.09.2017, 19:23:44

Aber wir sind uns doch mittlerweile einig, dass Schuberts Heimgötter/Kreissägen-Prinzip es auf Dauer auch nicht gebracht hätte, oder?

Mich kotzt diese Mentalitätslosigkeit mittlerweile sowas von an. Und die ist meines Erachtens unser Hauptproblem. Wie Du schon sagst, da gab es auch schon unter Favre Mängel. Ich poste hier mal was von spielverlagerung.de, auf das mich ein Kumpel heute aufmerksam gemacht hat. Geht zwar um Schalke, kann man aber fast 1:1 auf uns ummünzen, wie ich finde (vor allem der fette Absatz):

Willkommen zum Bundesliga-Check am dritten Spieltag. Heute treffen wir uns an der Kreuzung zwischen Taktik, Mentalität und Vereinsphilosophie. Wie so viele andere Zuschauer auch habe ich mich am Sonntagabend gefragt, warum Schalkes Trainer Dominic Tedesco nach rund einer halben Stunde seine Taktik umstellte. Er wechselte vom bislang funktionierenden 5-3-2-System auf ein 4-3-1-2, eine sogenannte Raute. Immerhin führte Schalke zu diesem Zeitpunkt 1:0 und hielt mit einer kompakten, wenn auch passiven Defensive den Gegner vom eigenen Tor fern.

Die Antwort gab Tedesco in der Pressekonferenz nach dem Spiel. Er habe mit der Umstellung seinem Team neues Leben einhauchen wollen, habe dann aber feststellen müssen: „Gewisse Themen sind nicht mit einer taktischen Umstellung zu lösen“. Welche Themen meint er? Aus Tedescos Sicht agierte sein Team zu passiv. Sie haben den Gegner nur gestellt, aber nicht attackiert. „Es liegt an der Zweikampftechnik. Wenn wir jeden Gegner versuchen zu stellen und nicht durchlaufen… dann kriegst du keinen Druck auf den Ball.“

Das ist eine schöne Formulierung. Oft wird ein Team eine fehlende Aggressivität oder schlechte Mentalität unterstellt, wenn die Spieler zu passiv agieren. „Spielt aggressiver“ oder „seid mental stärker“ sind aber keine Handlungsbefehle, die ein Trainer seinen Spielern an die Hand geben kann – schließlich sind sie mehrdeutig und können nicht wirklich exakt umgesetzt werden. „Stellt den Gegner“ gegenüber „Lauft im Vollsprint auf ihn zu, notfalls an ihm vorbei“ sind aber klare Handlungsbefehle, die ein Spieler ausführen kann – und die eine merkliche Veränderung der viel zitierten „Mentalität“ einer Mannschaft zur Folge hat.

Hier sind wir am schmalen Grat angekommen zwischen Mentalität und Taktik. Diese beiden Ebenen eines Fußballspiels sind nicht so klar zu trennen, wie dies manchmal den Anschein macht. Die Mentalität, die ein Team nach außen ausstrahlt, hängt nicht zuletzt mit den taktischen Befehlen zusammen, die sie ausführt. Die taktische Ausführung ist wiederum beeinflusst von der Willensstärke und der Disziplin, mit der die Spieler vorgehen.

Hier kommen wir zu einer dritten Ebene: Als Außenstehender scheint es mir oft so, als ob dieses Zusammenspiel aus Taktik und Mentalität eher langfristig geprägt wird. Tedesco selbst zeigte sich auf der Pressekonferenz recht ratlos, warum seine Spieler den Gegner nach der Führung nur noch gestellt und nicht im Vollsprint attackiert haben. Offensichtlich will Tedesco eigentlich ein anderes Spiel sehen. Das dürften auch seine Spieler wissen. Allerdings hatte Schalke in den letzten Jahren häufig Trainer, die es genau umgekehrt verlangt haben, die eher den Gegner stellen wollten anstatt ihn in dessen Hälfte anzulaufen. Dortmunder Spieler hätten wohl instinktiv anders reagiert durch die jahrelange Indoktrination durch Klopp und Tuchel (der entgegen seinem Ruf auch ein Pressing-Trainer ist); dies zeigt sich letztlich auch darin, wie schnell sie die Vorgaben von Bosz annehmen. Auf Schalke wird dies ein längerer Prozess sein. (Wer schlau klingen will, spricht hier vom Priming der Schalker Spieler.)


Tedesco wollte seinen Spielern offenbar mit dem Systemwechsel von Fünfer- auf Viererkette mitteilen: Spielt anders! Lauft im Vollsprint an! Dabei verschlimmerte dieser taktische Wechsel das Spiel der Schalker, weil Taktik und Strategie nicht mehr im Einklang standen. Strategisch agierten die Schalker immer noch passiv, liefen den Gegner nicht an. Taktisch hingegen hatten sie nun in der letzten Linie keine klare Überzahl mehr, konnten auf dem Flügel zudem nicht mehr so weit vorschieben. Stuttgart erzielte das Tor über einen Flügelangriff.

Erst in der Halbzeitpause gelang es Tedesco, das Problem zu lösen. Nach der Pause lief Schalke tatsächlich aggressiver an und „sprintete auch mal durch“, wie es Tedesco forderte. Insofern muss man im Nachhinein aber auch sagen: Die Umstellung von Tedesco war ein Fehler. Denn sie löste die Probleme nicht, sondern verschärfte sie. Wenigstens fand er die richtigen Worte dafür auf der Pressekonferenz.


Gruß!

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  • P.S.: - Elm - 11.09.2017, 19:23:44
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